Rhönradweg – fast ein echter Barkley

Lars hat Geburtstag, das Wochenende ist nochmal sonnig vorausgesagt – die Gelegenheit, den schon seit längerem angestrebten Trip in die Rhön zu realisieren. Gleichzeitig haben sich Lars und Lisa für ihr bevorstendes Sabbatical ein Zelt, self-inflatable Matratzen und moderne Schlafsäcke angeschafft – Lars‘ altes Aldi-Modell war wirklich nicht mehr up-to-date und hätte darüber hinaus ein inakzeptables Packmaß. Also bereiten Lars und Lisa Donnerstags ihre Radtaschen vor, und zwar je eine Kleidungs- und eine Küchentasche. Quer drüber kommen mit Expandern noch zwei Packs mit dem Rest, damit ist das Rad schon deutlich schwerer und anstrengender zu fahren als ohne Gepäck. Zum Glück hat Lars vor ein paar Wochen schon eine Proberunde gedreht und weiß was auf ihn zukommt. Lisa ist ja aufgrund ihres Kopenhagen-Trips ein alter Hase, was Mehrtagestouren betrifft.

Am nächsten Morgen geht es los, die ersten 10 km bis zum Bahnhof und dann mit Regionalbahn und ICE nach Bad Hersfeld. Lisa hat im ICE zwei von drei Fahrradplätzen gebucht, das funktioniert perfekt. Die Taschen packen die beiden in das darüber liegende Regal, und dann ab ins Bord-Bistro. Dort genehmigen sich beide die Waffel mit Kirschen und Milchkaffee. Eine Gruppe schwäbischer Ausflügler hat vier Tische des Bordbistros besetzt und keine Hemmungen, den selbst mitgebrachten Hefezopf dort zu essen. Immerhin bestellt eine ältere Dame innerhalb einer Stunde zwei Weizen, aber das war laut Lars Beobachtung der einzige Umsatz, den die zirka zehnköpfige Truppe in den eineinhalb Stunden im Bordbistro macht. Denn auch die zwei Flaschen Sekt, die wenig später geköpft werden, stammen aus dem Rucksack einer mittelalten Dame mit wirrer Frisur.

Schließlich ist der Zug in Bad Hersfeld angekommen, und bei bewölktem Himmel geht es los. Lars hat das Höhenprofil im Vorfeld studiert und weiß dass es tendenziell immer leicht bergauf geht. Recht schnell sind sie auf einer ehemaligen Bahntrasse, es sind kaum andere Radfahrer unterwegs, und es läuft ganz gut. Zur Mittagszeit gibt es die erste Snack-Runde mit dem mitgebrachten selbst gemachten Kartoffelsalat und Kaffee. Lecker!

Die erste Stärkung. Im Vordergrund: Lisas Gravelbike

Dann geht es weiter immer entlang der Grenze zwischen Thüringen und Hessen Richtung Philippsthal, wo sie auf den eigentlichen Rhönradweg stoßen werden. Davor bewundern sie noch in Schenklengsfeld eine jahrhundertealte Dorflinde, die in alle vier Himmelsrichtungen wächst und wirklich beeindruckend groß und alt ist. Hinter diesem Ort ging es auch erstmals über einen kleineren Hügel und ein wenig bergab – ganz angenehm nach dem doch recht ermüdenden leichten Bergauf-Fahren. Dabei umkreisen sie einen kahlen Bau, den Lars bei der anschließenden Recherche als Abraumhalde einer Kalisalz-Produktion identifiziert. Wieder was gelernt!

So sieht also eine Kalisalz-Halde aus.

In Philippsthal gönnen sich beide in einer Bäckerei mit Sitzplätzen nochmal einen Kaffee und recht ordentliche Stücke Kuchen, bevor es weiter Richtung Tann geht, dem Ziel des ersten Tages – beziehungsweise dem Campingplatz Dippach eine Ortschaft weiter. Wie erwartet geht der Weg kontinuierlich leicht bergauf, aber die Stärkung durch den Bäckerei-Besuch sowie die langsam aufreißende Wolkendecke motiviert die Beiden. In Tann streben sie an, vor 20 Uhr im örtlichen tegut zu sein, um zumindest Joghurt und Banane für das morgige Frühstück zu kaufen. Die Strecke wird zunehmend ländlicher, es gibt Kuhweiden, Gänse-Wiesen und auch den gewöhnungsbedürftigen Duft frisch gedüngter Felder. Gut in der Zeit kommen die beiden bei tegut an, gönnen sich auch noch zwei Flaschen Bier und streben dann dem Campingplatz entgegen.

Ein wenig querfeldein über einen Trampelpfad bei einer Kuhweide erreichen Lars und Lisa dann bei Dämmerung den Zeltpatz. Lisa managt das Ganze am Empfang, und dann bauen beide zum ersten Mal ihr neues Zelt auf. Das geht dank einfacher Bedienung und vorherigem Studium des YouTube-Videos dazu sehr einfach, und schon bald brennt die Spiritus-Flamme des Trangia für Nudeln „mit kurzer Kochzeit“ und Pesto. Lars unterschätzt die Kapazität des Topfs und macht sich eine zu kleine Portion, so dass er danach fast genauso hungrig ist wie vorher. Aber erst ist Lisa dran, die schüttet den Topf ordentlich voll und wird satt. Also nochmal eine dritte Runde für Lars, er muss Spiritus nachfüllen und fackelt dabei die halbe Wiese ab. Aber endlich kriegt er auch eine ordentliche Portion Nudeln und ist nicht mehr hungrig. Aber die Trangia-Bedienung ist für Lars noch ausbaufähig, und ganz nach oben in die Anschaffungsliste kommt ein Licht fürs Zelt – die Rumhantiererei mit der Handy-Taschenlampe ist einfach unpraktisch. Recht müde gehen Lars und Lisa duschen, Lisa wird bei der Rückkehr von Hühnern und einem Hahn begleitet. Schon bald schläft Lars erschlagen ein.

Am nächsten Morgen dann der erste Schreck – der Ersatz-Kuckuck, der die beiden normalerweise weckt hat geschwiegen, sie stehen eine Stunde später auf als geplant. So ein Mist! Lars kann nicht verstehen woran es lag, und auch auf den Hahn, mit dem sich Lisa am Vorabend angefreundet hat war kein Verlass. Trotzdem erst Mal in Ruhe einen Kaffee trinken und aufwachen!

Anschließend fangen die beiden an ihre Sachen zu packen und auch das Zelt wieder abzubauen. Auch das dauert ein wenig länger als gedacht, so dass es erst kurz vor 11 Uhr – aber gut gestärkt mit Haferflocken und Banane – mit der Tour weitergeht. Beim Verlassen des Campingplatzes entdecken sie noch ein Schaf, das in der Nähe des Waschhauses vor sich hin grast. Der Hahn ist verschollen.

Zum leichten bergan gesellt sich heute noch ein recht fieser Wind, aber dafür ist es wie vorausgesagt sonnig und schön, so dass beide die Kleidungs-Variante „kurz-kurz“ gewählt haben. Auch sind jetzt deutlich mehr Radler unterwegs, insbesondere viele Rentner mit e-Bikes. Dann machen die beiden nach einiger Zeit und einem Anstieg mit starkem Wind eine kurze Pause, und plötzlich stellt Lisa erschrocken fest, dass sie falsch sind! Statt auf dem Rhönradweg sind sie auf dem Ulstertal-Radweg! Erst jetzt merken sie, dass die Beschilderung verschiedenster Radwege (Ulstertal-Radweg, Rhönradweg, Rhönrundweg, Hochrhönweg) irritierend ähnlich ist – nämlich grüne Schrift auf weißem Grund mit einem stilisierten Rad. Leicht fluchend kehren beide um und achten fortan sehr genau auf die Beschilderung.

Oje, das Tierheim ist hoffentlich nicht allzu nah an die Kläranlage gebaut…

Durch den permanenten Anstieg kommen beide gefühlt extrem langsam voran, und Lars hat erhebliche Zweifel, ob sie das heute Ziel Bad Kissingen wirklich ohne die Deutsche Bahn erreichen – zwei Stunden sind sie bereits unterwegs und haben gerade mal 20km geschafft. Sie kommen zwar immer höher, die Orte werden immer ländlicher und kleiner, aber noch scheint der höchste Punkt nicht erreicht. Dennoch ist es Zeit, sich zu stärken. Auf einer kleinen Bank wird im Trangia Couscous mit Tomaten und Paprika gemacht, dieses Mal ist Lisa die Zubereitende, und es gibt weniger Unfälle. Der unerzogene Hund Balou kommt samt Frauchen vorbei, und es wird eifrig gejoggt. Lars und Lisa genießen den Couscous und bereiten sich gedanklich auf den weiteren Anstieg vor. Lars rechnet mittlerweile fest damit, in Bad Neustadt in den Zug steigen zu müssen – noch weitere 80 km hält er für völlig unmöglich.

Hier gab’s Couscous mit Gemüse und den unerzogenen Hund Balou

Aber gestärkt geht es weiter, und so langsam erreichen sie wirklich die Region um den Höhen-Scheitelpunkt der Tagesetappe. Nach einem weiteren Dorf wird der Weg plötzlich noch steiler, statt geteert ist er nur noch fein geschottert und es geht ab in den Wald. Dieser Untergrund zusammen mit dem Gepäck ist zu hart für Lars, er muss absteigen und ein wenig schieben, und sogar Berg-Gemse Lisa streckt die Waffen. Ziemlich erschlagen müssen sie sich auf einer Bank ausruhen und zum ersten Mal in größerem Stil Riegel und Gel auspacken.

Nach dieser Ruhepause geht es aber mit neuer Energie weiter, nach weiteren 20 Minuten kommen sie aus dem Wald heraus auf eine Straße und sehen schon, dass sie fast oben sind. Nach dem steinigen Waldweg ist die geteerte Straße eine Wohltat, sie fahren die letzten ein bis zwei Kilometer bergauf, und dann haben sie es geschafft! Sie sind auf der Hochrhönstraße und haben einen grandiosen Blick in die Ebene!

Höchster Punkt – aber hier geht’s bergab!

Eigentlich geht nun der Rhönradweg weiter über Bischofsheim – aber Lisa schlägt vor, ausnahmsweise die direktere Route über die Bundesstraße nach Bad Neustadt zu nehmen. Dazu geht es eine ziemlich steile Straße runter, der Seitenwind pfeift tierisch, und Lisa berichtet von Schwierigkeiten, ihr leichtes Rad mit Gepäck stabil zu halten. Lars fährt voraus und hält immer wieder kurz an, um auf Lisa zu warten. Trotz der Steilheit der Abfahrt ist es natürlich Balsam für seine erschöpften Beine, endlich mal nicht treten zu müssen. Kilometerlang kann man das Rad rollen lassen, man muss nur regelmäßig bremsen, es geht wirklich ziemlich lange steil bergab.

Schließlich wird es wieder ein bisschen flacher, und beide haben durch die lange Abfahrt Kraft getankt. Unterstützt durch Seiten- bis Rückenwind, die leicht abschüssige Strecke und einem recht guten Radweg brettern die beiden nach Bad Neustadt. Dort wird entlang der Radweg-Beschilderung konsequent die Straße aufgerissen, überall sind Weg-Sperrungen mit Umleitungen, aber schließlich sind die beiden in der Innenstadt. Geschafft! Und nur noch 30 km bis Bad Kissingen…

Bad Neustadt – man beachte das Fahrradweg-Hinweisschild…

Und so beschließen sie, was Lars noch einige Stunden zuvor für völlig unmöglich hielt – das Durchfahren bis zum Ziel. Im örtlichen Döner stärken sie sich mit stark zuckerhaltigen Softgetränken, und dann Lichter an und los geht’s. Es fängt an zu nieseln, aber Lisa gibt Gas und rast entlang der mäandrierenden (Erdkunde-Leistung-Vokabel!) Saale Richtung Ziel. Hier zahlt es sich aus, dass beide schon mehrfach bei Dunkelheit und Regen von der Arbeit nach Hause gefahren sind. Lediglich die Wegführung gibt manchmal Rätsel auf, so dass Lars mit seiner Lumen-starken Vorderlampe ran muss zur Wegweiser-Beleuchtung. Der Weg ist auch leider nicht so flach wie sich Lars nach den gut achtzig bereits zurückgelegten Kilometern wünschen würde, und der ein oder andere längere Anstieg, bspw. nach Bad Bocklet, kostet ihn nochmal richtig Kraft.

Aber gegen halb acht erreichen beide doch die outskirts von Bad Kissingen und wenig später das von Lisa gebuchte Apartment, praktischerweise mit Pizzeria im Erdgeschoss! Erschöpft, aber stolz entpacken sie die Räder, restaurieren sich schnell und gönnen sich dann je eine Pizza mit Montepulciano bzw. Primitivo und einem Cassata. Hundemüde schläft Lars wenig später ein.

Der letzte Tag ist ein quasi-Ruhetag. Nach Frühstück und Erholungsphase im Apartment entspannen sich Lars und Lisa drei Stunden in der stylischen Bad Kissinger Therme. Die ist modern, recht ruhig, trotz Sonntag nicht überfüllt und hat ein tolles Sole-Becken mit Unterwassermusik und Sternenhimmel-Imitat samt großem Wagen (auch wenn Lisa behauptet, da wären einfach Birnchen randomized in die Decke geklebt). Auf dem Rücken liegend die Ohren unter Wasser und die Augen zu ist echt toll!

Trotz Pizza gestern Abend ist das Energie-Level noch niedrig, also geht’s direkt um halb zwölf ins Thermen-Cafe zum okayen Mittagessen. Danach nochmal ausruhen und Solebecken, wo Lars beinahe einschläft. Nach den drei Stunden geht’s zunächst zurück zum Apartment, das netterweise die Radtaschen für uns eingelagert hat, und dann im ganz netten Kurpark-Bereich mit Brunnen ein Eis essen (warum der ältere davorstehende Mann, offenbar ein Bediensteter, ständig „Gelato“ schreit, obwohl schon eine riesige Schlange an der Theke ist und alle Sitzplätze belegt sind bleibt rätselhaft).

Danach geht’s langsam an den Bahnhof und mit Bummelbahnen zurück. Hier merken beide auch, dass Fahrradtickets über die Bahn-App nicht am gleichen Tag gekauft werden können. Offenbar ist Bahnfahren mit dem Fahrrad eher mit einer Flugreise zu vergleichen, wo man sich im Vorfeld auf eine Verbindung festlegen muss. Naja, in der Mini-Regionalbahn sind dann auch tatsächlich genau zwei Fahrradplätze frei, passt genau! Nach dem Umstieg in Schweinfurt sitzt dagegen eine bayrische Reisegruppe auf den Fahrradplätzen und macht erst nach Aufforderung Platz für die Räder. Aber dann können sich Lars und Lisa hinsetzen und dösen – die Fahrt dauert immerhin zweieinhalb Stunden. Als schließlich nach gut der Hälfte die Fahrkartenkontrolle stattfindet kräht nach den fehlenden Fahrradtickets kein Hahn mehr (was wohl aus dem in Dippach geworden ist?).

Gegen halb sieben kommen Lars und Lisa schließlich in Frankfurt an und beschließen, die letzten gut 30 km nach Hause wieder Fahrrad zu fahren. Die Ruhepause und das Solebecken waren Gold wert, einigermaßen flott geht es nach Hause. Wenn man noch die 4 km zur Therme hin und zurück mitrechnet haben Lars und Lisa damit insgesamt an den drei Tagen genau 200 km geschafft, von den Höhenmetern ganz zu schweigen. Ein wirklich schöner Ausflug, und fast ein echter Barkley, findet Lars – und träumt dabei vom Solebecken und dem großen Wagen.

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